ACHTUNG! Die folgende Eröffnung ist nicht für zartbesaitete Seelen. Auch sollte sie unter keinen Umständen propagiert werden. Dem geübten Taktiker offenbart diese ultraaggressive Variante aber so einige Tricks und Fallen, in deren Wirrwarr sich der Gegner erst einmal auskennen muss.

Der Traxler-Gegenangriff – Teil 1.
oder: Warum Schach Spass macht!​*

Diese wohl aggressivste Variante im Zweispringerspiel im Nachzuge (auch Preußische Partie genannt) wurde vom tschechischen Schachspieler und Schachkomponisten Karel Traxler in die Turnierpraxis eingeführt. Obwohl sich seine Turnierteilnahmen nur auf Amateur-Turniere beschränkten, erhielten seinen theoretischen Neuerungen und Analysen in der Preußischen Partie zu Recht Weltruhm. Im ersten Teil wird auf die klassische Hauptvariante mit 5. Sxf7 Lxf2+ 6. Kxf2 eingegangen.
Traxler1
Nach 1.e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Sf6 (Die Grundstellung des Zweispringerspiels im Nachzug)
4. Sg5 (Diagramm) (Weiss spielt hier den verlockendsten Zug) leitet Schwarz mit 4...Lc5!? den berüchtigten Traxler-Konter ein.
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Traxler2
Hier wird es interessant. Beide Parteien greifen wie wild die schwachen f-Bauern, und damit auch die gegnerischen Könige, an. Schwarz indes ignoriert bei seiner Initiatve einfach komplett den Angriff auf seinen f-Bauer und erhofft sich durch einen sprengenden Einfall einen schnellen Gewinn.
5. Sxf7 und der Paukenschlag: Lxf2+
6. Kxf2 Sxe4+ (Diagramm)
Nun hat Weiss verschiedene Felder für seinen König zur Verfügung. Wir gehen auf die einzelnen Varianten kurz ein:

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7. Kf3 Df6+
8. Kxe4 d5 (auf 9. Kxd5 setzt Schwarz mittels 9...Sb4+ und 10...Df4# in zwei Zügen matt)
9. Lxd5 Df4+
10. Kd3 Dd4+
11. Ke2 Dxd5 (und Weiss kann den Turm auf h1 nicht schlagen, da Lg4+ mit Damengewinn droht) Schwarz gewinnt.

Die unklarere Variante
8... Df4+
9. Kd3 Dd4+
10. Ke2 Dxc4+
11. Ke2 Dxf7 (und Schwarz kriegt beide Figuren zurück, hat einen Bauer mehr und steht ein bisschen besser.)
7. Ke2 Sd4+
8. Ke3 (Warum wäre 8. Kd3 wohl ein Fehler?)
8...Dh4
9. Tf1 d5 (droht Dg5+, falls Weiss einfach den Turm in der Ecke schnappen will)
10. Lxd5 Lg4 (De1 scheitert an Sxc2)
11. g3 Dh5 (und Weiss verliert die Dame)

Zum Nachspielen hier noch eine hübsche Mattvariante.
9. Sxh8 Df4+ 10. Kd3 Sc5+ 11. Kc3 Sb5+ 12.Kb4 a5+ 13.Kxb5 c6+ 14.Kb6 Sa4+ 15.Kc7 e4# )
7. Ke1 Dh4+
8. g3 Sxg3 
9. Sxh8 Se4+
10. Ke2 Df2+
11. Kd3 Sb4+ (oder 11...Nc5+ Kc3 Dd4# )
12. Kxe4 Df4#

Auf 9. hxg3 ist Dxh1+
10. Lf1 O-O
11. De2 Sd4
12. Dg2 Dxg2
13. Lxg2 Sxc2+
14. Kd1 Sxa1 eine mögliche Variante 
7. Kf1 Dh4 (nicht 7...Df6+ wegen der Antwort 8. Df3. Und bitte merkt euch folgende Kombination. Wir spielen sowohl auf 8. De1, 8. De2 und 8. Df3 den sehr starken Zug 8...Sg3. Erklärung, siehe folgendes Beispiel):
8. Df3 Sg3+ (auf 9. Kg1 folgt 9...Dd4  mit Gewinn für Schwarz)
9. Dxg3 Dxc4+
10. Kg1 Dxf7 (Eine Zeit lang hatte Weiss zwei Figuren mehr, jetzt einen wichtigen Bauer weniger). Schwarz steht klar besser.

Nun werdet ihr euch sicher fragen, warum den nicht jeder Traxler spielt. Sieht doch alles super aus für den Führer der schwarzen Steine. Der Grund ist so einfach wie plausibel: Bisher wurden die für den weissen König suboptimalen Felder analysiert. Nun geht es darum, die beiden kritischen Züge für Weiss genauer anzuschauen.
7. Kg1 Dh4 (nicht 7...Df6, weil dann mittels 8. Df3 das Momentum an den Weissen gelangt).
8. g3 (der beste Zug für Weiss, auf z. B. 8. Df3 könnte 8...Tf8 oder auch 8...Sd4 mit starkem Angriff für Schwarz folgen)
8...Sxg3 (Immer, wenn Weiss den g-Bauer zieht, opfern wir unsere zweite Figur).
9. hxg3 (auf 9. Sxh8 ist 9...Sd4 ein guter Zug. Nach 10. hxg3 Dxg3+ 11. Kf1 empfehle ich, mit 11...Df4+ 12. Kg2 Dg5+ in ein ewiges Schach einzuleiten. Auch ein Remis bringt Punkte). 9...Dxg3+
10. Kf1 d5 (mit der Drohung 11...Lh3+. Sehr unangenehm für den Weissen sind auch Züge wie 10...Tf8 oder sogar 10...0-0)
11. Lxd5 Lh3+
12. Txh3 Dxh3+
13. Ke1 Dg3+ (Auf 14. Lg2 gewinnt Schwarz mittels Df5+ den Springer auf f7).
14. Kf1 0-0 (Weiss hat drei Figuren für Turm und zwei Bauern, aber sein König ist nackt und der Damenflügel nicht entwickelt). Schwarz steht besser
7. Ke3 Dh4 (jeder weisse Zug ausser der gespielte führt zu  schwarzem Vorteil. Probiert selber verschiedene Varianten aus und stärkt damit euer taktisches Verständnis).
8. g3 (und der logische schwarze Folgezug) Sxg3
9. hxg3 Dd4 (nicht 9...Dxg3+)
10. Kf3 d5
11. Th4 (es drohte 11...Lg4+ mit Damengewinn) e4+
12. Kg2 0-0
Hier schliessen wir die Variante. Schwarz kriegt sicherlich entweder Läufer oder Springer zurück, seine Figuren haben freies Spiel, der weisse König steht ohne Unterhose da. Der Computer gibt einen leichten Vorteil für Weiss (+0,8). Allerdings ist es erstens unwahrscheinlich, dass euer Gegner zwölf Züge absolute Theorie (inkl. 7. Ke3) spielt und zweitens ist die Stellung für den weissen schwieriger zu behandeln als für Schwarz.

Hiermit schliessen wir den ersten Teil des berüchtigten "Traxlers" ab. Im zweiten Teil wird darauf eingegeangen, was passiert, wenn Weiss 5. Lxf7+ spielt und auch darauf, wenn Weiss das Läuferopfer auf f7 nicht direkt annimmt. Einen kleinen Vorgeschmack darauf findet ihr in den Kurzpartien der Rubrik Fehleralarm (Traxlers Unterbliche).

Der Traxler-Gegenangriff – Teil 2. 
Im zweiten Teil zum Traxler-Gegengambit wollen wir herausfinden, was passiert, wenn Weiss das angobotene Läuferopfer nicht sofort annimmt.​
Traxler1
1.e4 e5
2. Sf3 Sc6
3. Lc4 Sf6 
4. Sg5 Lc5
5. Sxf7 Lxc5+
6. Kf1 De7 So verrückt, hier die Dame zu opfern, war Karel Traxler dann doch nicht.
7. Sxh8 (auf 7. Kxf2 folgt 7...Tf8 mit der Drohung Dc4 oder d5 und Schwarz kann den Mattangriff starten).
7...d5 ((Diagramm))
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8. Kxf2 dxc4 (8. Lxd5 Lg4 und die weisse Dame ist Geschichte)
9. Sc3 Lg4
10. De1 Sd4
11. Tg1 Sxc2
12. Df1 Le6

13. d3 (um endlich Figuren zu entwickeln) 0-0-0
14. Sf7 Sg4+
15. Ke2 (Auf 15. Kg1 gewinnt Dc5+ direkt) cxd3
16. Kd2 (steht den eigenen Figuren im Weg) Lxf7
17. h3 Dg5+ (und Schwarz gewinnt die Dame nebst baldigem Matt)
8. exd5 Sd4!
9. Sc3 Lg4
10. Le2 Sxe2

11. Sxe2 Df8 (mit starker Abzugsdrohung)
12. h3 Lh5 (kein Stress)
13. g4 Sxg4
14. hxg4 Lxg4
(Schwarz droht einen tödlichen Abzug und hat noch immer Material zum Opfern in Reserve).

Übt nun bitte das Mattsetzen, wobei ihr die besten Antworten des Weissen herauszufinden versucht.
8. exd5 Sd4!
9. Kxf2 Sg4+
10. Ke1 Df6
11. Tf1 Dh4+
12. g3 Dxh2

13. d3 (12. Tf3 e3 und Schwarz gewinnt) Sxc2
14. Dxc2 Dxc2

Weiss hat ein bisschen Material für die Dame, die mangelnde Entwicklung und der offene König lassen aber nur den Schwarzen als Sieger zu.
8. c3 Lg4
9. Da4+ Sd7 
10. Kxf2 Dh4+ 
(10. cxd4 Df6 11. dxe5 Df4 und Schwarz gewinnt)
11. g3 Df6+
12. Ke1 Df5 (Mit der Drohung 13...De4+ nebst 13...Sc2+)
13. cxd4 De4+
14. Kf2 Dxh1

Schwarz kann im nächsten Zug gross rochieren, Dame und Läufer haben den weissen König fest im Griff, Schwarz steht klar besser.

Beispiel:
15. Sc3 (Weil der Läufer c1 hängt) Dxh2+
16. Ke1 Dg1+
17. Lf1 Dxg3#
Im 3. und letzten Teil zum Traxler-Gegenangriff werden wir uns die anschauen, was auf 5. Lxf7+ zu tun ist. Vorgeschmack auf 6. Ke2 (Traxlers unsterbliche)

Der Traxler-Gegenangriff – Teil 3.
Zahlreiche Schachtrainer und -spieler bezeichnen diese Variante als Widerlegung des Traxler-Gegenangriffs. Ein geübter Traxlerer wird sich aber hüten, hier von einer Widerlegung zu reden! In Wahrheit erhalten wir in dieser Variante mit Schwarz sogar ohne Figurenopfer einen aggressive und gewinnbringenden Königsangriff. Ihr fragt euch wie? Ich zeig‘s euch.

Traxler4
1. e4 e5
2. Sf3 Sc6
3. Lc4 Sf6
4. Sg5 Lc5
5. Lxf7+ Ke7
(Der mit Abstand beste Zug, jetzt muss Weiss auf die Drohung 6...h6, was eine Figur verlieren würde, reagieren).
6. Lb3 d6 (Das gleiche Rezept findet auch bei 6. Lc4 und 6. Ld5 Anwendung).
7. Sf7 (Ein suboptimaler Zug, der leider viel zu oft gespielt wird) Df8
8. Sxh8 Lxf2+ (Auf 9. Kf1 gewinnen wir mittels 9...Lg4 die Dame)

Finde das fünfzügige Matt nach 9. Kxf2 ((Diagramm))
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Natürlich muss Weiss nach 6...d6 den Springer nicht direkt aufg f7 spielen, auf einen alternativen weissen Weg wird hier noch eingegangen.

7. 0-0 Lg4
8. De1 Sd4

Schwarz hat einen Bauer weniger und kann nicht rochieren. Im Austausch dafür verfügt er über ein aktiveres Figurenspiel und eine asymmetrische Stellung mit vielen Fettnäpfchen für Weiss. Der Computer gibt in solchen Stellungen einen leichten Vorteil für Weiss (Stockfish: 0.38). Dies nehmen wir aber gerne in Kauf. Wenn der Schwarze die traxlerschen Motive gut kennt, wird ein unvorbereiteter Führer derweissen Steine auch hier Mühe bekunden.

Wie ihr wisst, gilt es im Schach folgende Grundpfeiler zu beachten:

  • Entwicklung (aktive Figuren

  • Königssicherheit

  • Bauernstruktur

  • Material
In taktischen Varianten wie dem Traxler tauschen wir Material für Entwicklung und Druck auf den gegnerischen König ein. Das bedeutet, dass man – ander als z. B. in ruhigen Stellungen – der Bauernstruktur und dem Material einen weniger grossen Stellenwert beimisst. Wir wollen

  • unsere Figuren schneller als unser Gegner entwickeln, dafür sind wir bereit, Material herzugeben.

  • die Sicherheit des gegnerischen Königs nachhaltig schwächen, dafür wenden wir verschiedene Opfermotive an.

  • Bauern opfern, um Linien auf den gegnerischen König zu öffnen.

  • Wir kriegen keine Panik, wenn Materialungleichheit herrscht und suchen nach taktischen Verzwickungen.

  • Wir behalten die Initiative und machen aktive, dynamische Züge. Schon ein kleiner passiver Zug könnte in solchen Varianten unser Ende bedeuten.
  • Es kommt nicht darauf an, wie viele Figuren man hat; es kommt darauf an, wie viele aktive Figuren man hat!
*Nur die Grundstellung des Traxler-Gegenangriffs und ein paar elementare Zwischenstellungen wurden als Diagramm dargestellt. Auf weitere Diagramme wurde verzichtet, die Varianten sollten mit Hilfe eines Schachbretts angeschaut und studiert werden.